Rückschau

• Ausstellung

Brückenschlag

im Heimatmuseum Münchingen

Gründungsmitglieder des

Kunstvereins Korntal-Münchingen

stellen aus:

Albrecht Breunlin, Petra Gebhardt, Hedwig Goller,

Chrisitne Hilland, Peter Lorenz, Walter Rabe, H.P. Schlotter

vom 20.03.- 17. 05. 2015

 

Einführung in die Ausstellung: Christine Hilland


 

Einführende Worte in die Ausstellung von Christine Hilland:

 

Brückenschlag – ein symbolträchtiger Slogan, er erinnert an die Zeit nach der Gemeindereform in Baden- Württemberg und das Zusammenwachsen der beiden Gemeinden Korntal und Münchingen. Dem damaligen Bürgermeister Sailer kam die Gründung des Korntal-Münchinger Kunstvereines 1985 gelegen, konnte sie doch die kulturelle Verbindung und somit ein Zusammenwachsen dieser beiden Orte fördern. Ich werde Ihnen heute in meinem Vortrag einige der Gründungsmitglieder dieses Kulturvereines vorstellen.

 

Der erfolgreiche Grafik-Designer Peter Lorenz gestaltet seit der Gründung des Vereines unser visuelles Erscheinungsbild in Einladungskarten, Plakaten oder der Website. Eben diese Gründung vor dreißig Jahren gab Peter Lorenz auch den Impuls seine Malerei neben dem Beruf zu etablieren und unter dem Motto "Chaos und Ordnung" weiterzuentwickeln. Peter Lorenz schuf daraufhin innerhalb von 5 Jahren seinen Bilderzyklus mit Variationen zu dem Thema Schachbrett, eine brillante Feinmalerei, die ein solides Handwerk zeigt, das bei Prof. Funk an der Kunstakademie Stuttgart ausgebildet wurde. Peter Lorenz präsentiert jetzt drei Hochformate, die dem Titel dieser Ausstellung "Brückenschlag" insofern gerecht werden, als sie noch auf die anfängliche Feinmalerei verweisen, sich aber auch gleichzeitig daraus befreien. Im unteren Bereich aller drei Bilder liegen strenge, waagrechte Streifen, im oberen agieren gestisch gesetzte Farbspuren. Die perfekt abgegrenzten Farbfelder sind während des Malvorgangs abgeklebt worden und bilden so zu dem lebendigen Duktus einen strengen Formenkontrast. Die Acrylfarbe wird in den exakt kalkulierten Farbfeldern deckend aufgetragen und der glatte Untergrund schafft ein perfektes Umfeld. Dahingegen bringt die Spachtelung im Grund um die gestisch gesetzte Acrylfarbe eine Lebendigkeit herbei, eine Aleatorik aus flüssigen Lasuren und deren Verdichtungen. Die Mittelachsensymmetrie schafft Teile, die an Tryptichen erinnern und durch die Primärfarbigkeit von Rot, Blau und Schwarz eine fast sakrale Anmutung assoziieren.

• Ausstellung

Peter Lorenz, Malerei

in der Galerie 4/1, in Korntal, Hans-Sachs-Str. 4/1,

vom 01. - 22. März 2015

 

Ausstellungseröffnung:

Sonntag, 01. März 2015, 11:30 Uhr

Begrüßung: Volkmar Klopfer, 1. Vorsitzender des Kunstvereins K-Mü.

Einführung in die Ausstellung: Volkmar Köhler, 1. Vorsitzender des Künstlerbunds Heilbronn

Öffnungszeiten: Fr 17 - 19 Uhr, Sa  So  14 - 18 Uhr

Eintritt frei

 

Einführende Worte (Auszüge) in die Ausstellung von Volkmar Köhler:


Bilder ohne Titel bedeuten für den Betrachter zunächst eine Irritation. Und eine Heraus-forderung. Wir sind gewohnt, Assoziationshilfen zu bekommen durch Benennung eines Details, auf das der Künstler damit anscheinend besonderen Wert legt oder der Bezeichnung einer Botschaft, die das Bild transportieren will oder durch die provokative Gegensetzung eines Titels, der scheinbar dem Bild äußerlich ist. Fällt dies weg, sind wir als Betrachter auf uns selbst verwiesen. Und genau diese Absicht darf man dem Künstler hier unterstellen. Mehr noch,

Peter Lorenz will unseren Blick unverstellt lenken auf Grundpositionen und Ausgangspunkte der Malerei: Die Linie, die Farbe, das Material und den Farbauftrag.

Peter Lorenz ist selbständiger Graphik-Designer. Sein Arbeitsalltag ist die gerade Linie und die klare Form. Dies ist in seinen Bildern wiedererkennbar. Doch geht seine Malerei den entschei-denden Schritt darüberhinaus.

Betrachten wir ein Bild genauer: Vier hellgraue Farbflächen unterbrochen von zwei leuch-
tenden Gelbflächen gleicher Größe, akurat und geradlinig, begrenzen ein Preußischblau inmitten, das mit breitem Pinsel halblasierend aufgetragen ist, so, daß der Pinselstrich erkennbar bleibt. Die dunkle Fläche beginnt zu vibrieren – einmal im Farbkontrast zum reinen Kadmiumgelb und zum Anderen in der Absetzbewegung durch die changierenden Blautöne des durchscheinenden Pinselauftrags. Eine Bewegung in der Mitte, die gebändigt wird durch die Akkuratesse der äußeren Farbflächen. Wenn wir als Betrachter nun unseren Assoziationen freien Lauf lassen, so können wir an eingeschlossenes, in leichte Bewegung versetztes Wasser denken oder an einen leicht gerafften Theatervorhang, der Dahinterliegendes verbirgt, oder symbolisch an eine Kraft, die sich gegen ein Zusammenpressen wehrt. Diese Denkwege nicht einzuschränken, deswegen tragen diese Bilder keine Titel. Es ist die Kunst der Kunst, Phantasie zu erwecken. Dem Künstler Peter Lorenz geht es aber bei der Arbeit vor allem um Farbraum, Fläche und Struktur.

Wurden die Strukturen in dem Bild (links) mit unterschiedlichem Farbauftrag und Pinselschlag gesetzt, sehen wir an dem Bild (oben) ein anderes Prinzip. Spachtel, Rakel oder Kartonstücke verwendet Peter Lorenz, um mit fetter Farbe und Spachtelmasse breite vertikale Spuren zu ziehen. Damit ergeben sich Stege, Hindernisse für die anschließend quer dazu laufenden horizontalen Breitpinselstriche. Das Ergebnis sind gebrochene, farbverschattete Linien. Es entsteht ein organisches Geflecht. Ergeben sich dabei allerdings zu naturalistische Anmutungen von Gräsern oder Landschaft, so werden diese durch Teilübermalung zurück-genommen, denn der Malgegenstand ist die Struktur im Zusammenspiel von Farbe, Linie und Bildoberfläche.

Peter Lorenz hat nach dem Studium an der Akademie in Stuttgart zwei Jahre bei Anton Stankowski gearbeitet. Anton Stankowski, der für eine Durchdringung von Kunst und Design arbeitete und die strenge klassische Einteilung und Trennung von freier und angewandter Kunst und Gestaltung zu überwinden suchte. Von ihm sind so bekannte Logos wie das der Deutschen Bank oder das ehemalige Logo des Süddeutschen Rundfunks mit dem stilisierten Fernsehturm.
Vier „Ehemalige“, die zu unterschiedlichen Zeiten bei ihm gearbeitet haben, haben sich im Jahr 2014 zu einer Künstlergruppe „Stankowskis Zeichenknechte“ zusammengeschlossen.
Besuchern seines Studios stellte nämlich Anton Stankowski manchmal seine Mitarbeiter ironisch-liebevoll als seine Zeichenknechte vor.
Die Gründungsmitglieder Hans Ginter, Peter Lorenz, Fritz Arnold und Heike Rambow stellen im Oktober 2015 gemeinsam in Konfrontation mit Stankowski-Bildern in Stuttgart aus. Spannend sicher zu sehen, welch unterschiedliche Wege sich aus der gleichen „Schule“ entwickelt haben.

Peter Lorenz jedenfalls ist, was das Kompositionsprinzip angeht, sicher noch dem Konstruk-tivismus Stankowskis verpflichtet, orientiert sich weiterhin auch an geometrischen Formen von Quadrat, Dreieck und Kreis, hat sich aber sehr wohl mit diesen Bildern hier im Gestus in andere Richtung bewegt. Die Bilder werden vorher skizziert, die Aufteilung von Linie und Farbe zeichnerisch grob festgelegt, wobei die Farbe nur als Wort in der Skizze erscheint.
Im Malprozeß jedoch gewinnt die Farbe Eigendynamik durch die gleichzeitige Verwendung von Pastosem, von deckend fettem, von lasierendem und wässrigem Farbauftrag.


Ein Beispiel dafür:
Hierbei sind mehrschichtig verschiedene Strichtechniken und Farbbehandlungen kontrastiert.
Vertikale Spachtelstege und horizontaler grober Pinselstrich bilden den Hintergrund. Darauf ein breiter, deckendroter Rahmen. Darin wieder ein Wechselspiel von geometrisch exakter Form, dem Quadrat und der Parallele, und einem den Farbverlaufszufall einkalkulierenden Pinselzug mit weißem Acrylfarbwasser, das je nach Untergrund und Verdünnungsgrad perlende Strukturen und unregelmäßige Pigmentverteilung produziert.


Ordnung und Chaos, man könnte auch sagen Geometrie und freie organische Form und Linie, konstruktivistische Strenge und freifließender Pinselstrich sind zwei Prinzipien, die Peter Lorenz in vielen seiner Bilder miteinander kombiniert oder einander gegenüberstellt. Besonders gelungen in dem Bild (rechte Seite): Schwarz, Weiß, Rot – die archaische Farbkombination
(Kreide, Kohle und Blut waren die ersten Malfarben), eine strenge Komposition von Quadrat, Rechteck und Linie. Innerhalb der Quadrate scheint der Wind zu pfeifen. Als ob er feinen Sand vor sich her durch eine Wüstenlandschaft triebe. Aber halt! Es sind keine Schwarz-Weiß-Fotos und es sind nur die Haare des Pinsels, die feine, grauabgestufte Linien ziehen. Und im zentralen Rechteck rumort es: Kreuze, Gitter, umstürzende Pfosten. Nicht nur grobe Pinselschläge, auch Aufgekratztes, Abgeschabtes – wilde Struktur, die die rote Linie überschreitet, aber auch teilweise sichtbar läßt. Eine Struktur, die zwar rechts und links mit klarer Kante begrenzt, aber nach oben und unten die Schwünge über den Bildrand fortzusetzen scheint.
Greifbare Spannung zwischen malerisch Expressivem und Ausuferndem und der klaren konstruktivistischen Ordnung der Dinge.

Peter Lorenz’ Raum ist die Fläche. Die Fläche, auf der er unterschiedliche Strukturen schafft, miteinander in Kontrast setzt. Das sind Strukturen, die sich aus den Arbeitsspuren von Mal-
material, Malwerkzeug und malerischer Geste im Bild ergeben – so zum Beispiel der unter-schiedliche Verdünnungsgrad der Acrylfarbe oder die Schlieren und Stege der Strukturpaste, bei deren Wirkung als Reliefstruktur dem Lichteinfall besondere Bedeutung zukommt. Oder Richtung und Stärke des Pinselschlages, des Ziehens mit dem Spachtel oder des gelenkten Laufenlassens der Farbe. Runde Formen gibt es nur als Fleck oder als Kreis. Wobei der Fleck fast als kunsthistorisches Zitat eines Pollockschen Droppings zu nehmen ist.

Dieser expressive Teil ist eingebettet in ein Bildkonzept einfacher, klarer geometrischer Ordnung. Es ist eine Inszenierung der Gegensätze: Chaos und Ordnung, wild und gebändigt, spontan und geplant.

Es sind keine abstrakten Bilder in dem Sinne, daß hier von realen Dingen abstrahiert würde und sie darauf zurückgeführt werden könnten. Das Bild ist Fläche, der Rest Illusion.
Selbst dort, wo Peter Lorenz sich am weitesten von der geraden Konstruktionslinie entfernt, dem spontanen Pinsel und der Farbe freien Lauf läßt, bleiben die Grundformen Rechteck und Quadrat.
In der Stuttgarter Zeitung wird Peter Lorenz zitiert: „Ich komme aus der strengen konstruk-tivistischen Malerei, wo Quadrate, Dreiecke und Kreise eine große Rolle spielen.
Im Laufe der Jahre sind meine Bilder freier geworden, aber ganz aus dem Kopf bekomme ich das nicht.“

Da kann ich nur sagen: Warum auch, wenn dieser Konflikt in den Bildern eine so aufregende Spannung erzeugt.

Text:
Auszüge aus der Rede von Volkmar Köhler,
anlässlich der Ausstellung Peter Lorenz, Malerei, am 1. März 2015,
in der Galerie 4/1 in Korntal.