Internationaler Kodak Fotokalenderpreis 2011

für den Kalender "Objekte der Stille" von Peter Lorenz, BFF.

Raum und Zeit – Die Objekte der Stille

 

Nichts bleibt uns verschlossener als die oder als eine Voraussage über Sein oder Nichtsein. Wir sind in Raum und Zeit – die Vergänglichkeit ist unser Trauma. Wir gründen und begründen unsere Existenz, dann werden wir gezwungen, diese uns erarbeitete Konstruktion wieder zu verlassen. Wie unser Leben.

Wir siedeln in Ehen und Familien, bauen Existenzen, Häuser und Fabriken aus denen wir zehren, am Rande von Wasserwelten, Urwäldern, unter Steingebirgen, ebenso in Wüsten und Wüsteneien. Wir wollen Existenzen sichern. So riskieren wir Sein oder Nichtsein unter dem Druck des Überleben-wollens, oft ohne die Folgen zu kalkulieren. Wir nutzen das scheinbar Effektivste, um den Gewinn dann doch aus Utopien oder nicht übersehbaren Risiken zu beziehen.

 

Und nun ein kurzer Reisebericht von Peter Lorenz:

 

Es war herbstlich in Santiago de Chile, als wir mit dem Flugzeug 2.000 km Richtung Norden flogen. Dem Äquator entgegen, nach Iquique, dem nördlichsten Flughafen Chiles, in der Atacama-Wüste.

 

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Jeep durch die heiße und trockene Wüste zu den Salpeterwerken Santa Laura und Humberstone. Der Anblick dieser ehemaligen Fabrikhallen, die gnadenlos den Temperaturen der trockensten Wüste der Welt ausgesetzt sind, war überwältigend.

 

 

Ein Blick in die Historie:

 

Im 19. Jahrhundert erlebte Chile einen Wirtschaftsboom. Aus dem Salz, das direkt unter der Wüstenkruste lagert, wurde Salpeter gewonnen und als Düngemittel auf den Markt gebracht. Chile stieg zum weltweit führenden Exporteur von Düngemittel auf und deckte Anfang des 20. Jahrhunderts 65 Prozent des Weltbedarfs.

 

Zu Glanzzeiten lebten und arbeiteten ca. 4.000 Menschen in Santa Laura und Humberstone. Die beiden Werke spiegeln die Pracht und den Kontrast wider, die Chile Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte.

 

Die Deutschen Fritz Haber und Carl Bosch entwickelten Anfang der 30er-Jahre eine Ammoniak-Synthese die Salpeter überwiegend ersetzte – der Salpetermarkt brach zusammen.

 

Die Salpeterwerke mussten ihre Tore schließen und sind seit 1960 vollständig verlassen und dem Verfall ausgesetzt. Welche Perspektive beziehungsweise Sicherheit erwartete aber die Menschen – aus der Wüste zurück in die Städte?

 

1970 wurden die verlassenen Salpeterwerke zum nationalen Monument Chiles erklärt und 2005 zum Weltkulturerbe der UNESCO deklariert, gleichzeitig jedoch auf die „Rote Liste des gefährdeten Welterbes“ gesetzt. In den Strukturen, den Fragmenten der bis heute in der Wüste überlebten Architektur steht die Assoziation zu den genialen Alu-Hightech-Architekturen unter anderem der Konstrukteure wie Eiffel mit seinem 324 m hohen Eiffelturm in Paris von 1889, dem Londoner Palmenhaus in Kews Garden von Decimus Burton 1848, dem Centre Pompidou von Renzo Piano und Richard Rogers in Paris 1977, dem Ersatzteillager der Renault-Werke in Swindon, der Forster Associates oder den Münchner Olympia-Dächern und Flächentragwerken von Frei Otto.

Eine starke Signifikanz von filigranen Verknüpfungen der Stahlrohre, Seile, Stahlklammern, die ungeheure Vielfalt an Vernetzung und Transparenz. So wirken auch die Zeichnungswelten des Malers Sonderborg.

 

Dann stellte sich das Schicksal natürlich in der jähen Dramatik des Abrisses einer Treppe dar, den vereinsamten Wellblechwänden, den zu Christuskreuzen reduzierten Stromleitungsträgern, der verwobenen Stahlträger-Stützstruktur. Da wird die Endlichkeit der Begehbarkeit, das schicksalhafte Eingeständnis in eine Leere durch Verlust bindende Funktionalität, die Entblätterung der Körperlichkeit deutlich. Das Fragment als Rest. Anerkenntnis der Macht des Schicksals und nach der Flucht des Menschen der Zugriff und Eingriff der Natur.

Dennoch und seltsamerweise bekommt der Zerfall eine neue sehenswerte Ästhetik – einer sonderbaren anderen Welt.

 

Was übermittelt uns Peter Lorenz mit seiner ästhetischen Fotoanalyse? Er sieht sehr differenziert und komponiert genau. Als Künstler sind wir an die Wahrnehmung gebunden. Wir schulen uns durch das Sehen, Wahrnehmen, Hören, Fühlen und den richtigen Zeitpunkt der visuellen Umsetzung des Gestalters und sein Umfeld, sein visuelles Ziel zum entscheidenden Zeitpunkt.

Die Mitteilung über den Entstehungsprozess eines Kunstwerks ist für alle eine kommunikative Notwendigkeit.

Sehen und Beurteilen, der Weg zur Anteilnahme und Tiefensicht.

 

Peter Lorenz ist Grafik-Designer, Maler, Fotograf und Musiker, Analytiker und Ästhet.

 

Adrian Lacour

 

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